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H.Kneifel - Interview
Orginaltext: uni-online '96
Ich bin ein Geschichtenerzähler!
Hans Kneifel, der die dürre Story von Raumpatrouille ORION
in glühende Romane verarbeitete, feiert sein ganz
persönliches Jubiläum: doppelt so alt wie ORION!
Ein Interview mit dem deutschen Großmeister der SF,
über Backwaren, Bügeleisen, bessere SF und historische Romane.
uni-online: Pro7 und Roland Emmerich wollen Raumpatrouille ORION (RO) neu verfilmen.
Unfug?
H.Kneifel:
Ach, das ist doch die größte Latrinenparole dieses
Jahrhunderts. Das passiert jetzt mindestens schon
zum 20. Mal... Emmerich soll aber angeblich
Interesse angemeldet haben. Sagt man! Nu ja. Abwarten.
uni-online: Können Sie Ihre Verbindung mit der RO überhaupt noch hören?
H.Kneifel:
Ich? Selbstverständlich. Ist ja eines meiner
erfolgreichsten Projekte!
uni-online: "Tamara Jagellovsk hat mehr für die
Emanzipation der Frauen getan als
sämtliche Feministinnnen miteinander!"
Ja?
H.Kneifel:
Klingt ja sehr gut, scheint mir aber ein wenig
überzogen. Ich hab da meine Bedenken. Erstmal:
das Ganze ist 30 Jahre alt. Und Tamara soll die
Persiflage auf eine KGB-Agentin sein...
uni-online: Liebesgrüße aus Moskau?
H.Kneifel:
Eben. Ein gutes Bonmot, aber keine Realität.
uni-online: In ihren Büchern kommen immer starke
Frauen vor, die häufig noch über Männer
herrschen und meist intelligenter sind.
Was halten Sie persönlich von diesem
Schlag Karrierefrauen?
H.Kneifel:
Tja, diese sogenannten starken Frauen gehören zu
meinen pädagogischen Bestrebungen - die natürlich
auch nichts gebracht haben...
uni-online: Der emanzipierte Mann braucht ebensolche
Frauen?
H.Kneifel:
Nein, das ist aus meiner Vita zu verstehen - meine
Schwester, eine kluge und ziemlich starke Frau, hat
mich erzogen, mit Vormundschaft etc. Ich
persönlich kann mit dummen Frauen und den
herkömmlichen Frauenbild nichts anfangen. Meine
Freundinnen waren alle stark und emanzipiert. Ich
verstehe auch nicht, warum man überhaupt
Schwierigkeiten haben sollte. Nu ja, kluge Frauen
haben eine Menge Feinde: alle dummen Männer.
uni-online: Kennen Sie tank-girl?
H.Kneifel:
Das sind doch alles Krämpf! Ist ja eine pfiffige Idee
- als Geschichte - aber ist in der Wirklichkeit so
nicht denkbar. Wenn so etwas eine Richtung
andeuten soll: ja. Aber nicht in dieser plakativen
Form.
uni-online: Wie war das in den Sechzigern....
H.Kneifel:
..furchtbar!
uni-online: ...haben Sie die RO - mit den Tänzen im
Starlight-Casino, dem Bügeleisen, den
Alka-Seltzer-Tabletten und den
Wasserhähnen - wirklich für mögliche
Zukunft gehalten? Oder war das auch mehr
eine Mode, wie es heute Mode ist, das
Weiße Haus in die Luft zu jagen?
H.Kneifel:
Ich habe ja damals schon einige Zeit in SF
gearbeitet. Und es war klar: wenn einmal jemand im
Weltall herumfliegen würde, dann bestimmt nicht
so. Vieles hätte man geschickter machen können.
Von Beginn an haben mich z.B. die Stühle der
Besatzung gestört. Nicht mal Gurte, keine
Kopfstützen... Ach, es war alles irrsinnig komisch.
Damals haben ja auch viele Leute das Bügeleisen
noch nicht gekannt. Und der automatische
Bleistiftspitzer, das war hochentwickelte Technik!
uni-online: Wissen Sie was TORB ist?
H.Kneifel:
Aus der Raumpatrouille? Terrestrische... Nein halt:
Treibstoff, Oxygen etc. Der Test bei Start der
Lancets, oder?
uni-online: Warum gibt es so wenige gute
SF-Verfilmungen? Ihre Roman-Version von
RO ist traumhaft gegen die -
zugegebenermaßen - Kultserie? Es wurden
ja immerhin 3.5 Millionen Mark
investiert!
H.Kneifel:
Lieber Freund, da müssen sie die Herren von der
Bavaria fragen. Oder Herrn Zehetmaier...
uni-online: ...damals auch schon?
H.Kneifel:
Ja, wurde gerade berühmt! Ich weiß es nicht. Alle
Beteiligten haben ja vorher Arztserien oder Isar 12
gemacht. Der Braun und so. Dachten wohl, ein
Raumschiff ist ein Auto ohne Räder. Ich habe ja mit
der Serie gar nichts zu tun gehabt!
uni-online: Hat man Sie damals wegen ihrer Perry
Rhodan-Erfahrung zum Roman-Autor für RO
gewählt?
H.Kneifel:
Ich war ja damals in der Diaspora in Kitzingen. Als
ich wieder nach München kam, hat mich der
Produzent eben gefragt, ob ich die Serie in
Romanform bringen will. Ich hab mir dann das
Material besorgt, die Filme angesehen, bis mir die
Augen getränt haben, und dann die ersten 7 Folgen
geschrieben. War ein ziemlicher Erfolg. Dann kam
Folge 8, 9. Es ging dann bis 145. In allen Formaten,
als Heft etc. Ab Heft 50 habe ich dann nur noch
mitgeschrieben: es fiel mir nichts mehr ein!
uni-online: So etwas wie ihre Bücher "Traum der
Maschine" oder "Das brennende Labyrinth"
würden selbst "Blade Runner" um Längen
schlagen. Warum traut sich die
SF-Industrie nicht?
H.Kneifel:
Tja, da fragen Sie den Falschen! "Traum der
Maschine" könnte man wahrscheinlich sogar mit
relativ wenig Geld verfilmen...
uni-online: Einen Lieblingsfilm aus dem Genre?
H.Kneifel:
Silent Running ist ganz putzig, wenn auch S/W. Die
drei Aliens und natürlich "Blade Runner".
uni-online: Sie waren lange Jahre auch
Berufsschullehrer für Nahrungsmittel...
H.Kneifel:
Ja, da hab ich das meiste für meine Kampfszenen
gelernt!
uni-online: Sie sind Konditor-Meister. Merkt man gar
nicht in ihren Büchern!
H.Kneifel:
Doch, Essen kam schon vor, wurde nur aus
Platzgründen vom Lektor gestrichen. Von meinen
Gastmählern bleibt immer wenig übrig!
uni-online: Mythen: bauen Sie überall in ihre Bücher
ein, ein großes Kontinuum aus Zeit und
Raum, von "Der Seherin Gesicht" aus der
Edda bis Ra-Anhetes. Ist Geschichte alles
vermengt in einem Topf?
H.Kneifel:
Für mich ist da - in großen
topologischen/topographischen Bereichen - das eine
nicht vom anderen zu trennen. Beim SF, der sich
nicht an irgendwelche existenten Sagen halten muß,
versuche ich die Wurzeln unserer verschiedenen
Kulturen und Mischkulturen einzuarbeiten. Es macht
mir Spaß!
uni-online: In ihre besten Büchern sind immer wieder
Gewebe und Puzzle aus Textstücken der
Zukunft eingefügt. Mythen, Berichte,
Reiseführer aus dem 24. Jahrhundert etc.
Warum nicht einmal gleich in Richtung
"Der Wüstenplanet"?
H.Kneifel:
Erstens einmal habe ich im Moment keine so große
Exposition. Und dann vor allem sind die Honorare
bei SF auf einem Level angesiedelt, daß ich mich
nicht zwei Jahre hinsetzen kann. Außerdem habe
ich?s persönlich nicht so mit den großen epischen
Sachen.
uni-online: Gisbert Haefs, der Autor von "Hannibal",
"Alexander" und Schöpfer des massigen
Detektivs Balthasar Matzbach, hat sie
anscheinend damals beim Haffmans Verlag
gepusht...
H.Kneifel:
Wir sind alte, gute Freunde. Das Wort pushen mag
ich nicht so gern.
uni-online: Haefs Dante Barakuda-Trilogie ähnelt
ihren Werken (etwa Cade Chandra, dem
"Jäger der Apokalypse"). Dann hat er
historische Schmöker geschrieben. Jetzt
schreiben Sie welche!
H.Kneifel:
Er ist mir mit dem "Hannibal" zuvorgekommen.
Aber ich bin froh, daß er ihn geschrieben hat. Ich
hätte kein SO gutes Buch schreiben können. Wir
wirken aber äußerst befruchtend aufeinander. Wir
haben eben auch dieselben Vorbilder.
uni-online: Das Schwere an SF, aber auch an
historischen Romanen ist, daß man über
vieles schreiben muß, was noch nicht oder
nicht mehr bekannt ist. Wie löst man's?
H.Kneifel:
Ich versuche mich in den Protagonisten
hineinzuversetzen und mir ein Leben ohne
elektrischen Licht und Radio vorzustellen. Was
macht er? Was empfindet er? Anders macht man's
nicht, besser kann man's nicht!
uni-online: Stehen Sie eigentlich im neuen Kindlers
Literatur Lexikon?
H.Kneifel:
Würde mich wundern! Ich tröste mich hier mit der
Feststellung meines Freundes Gisbert Haefs, der
gesagt hat: Wer besser ist als - hmm - der oder die,
kommt nicht auf die Spiegelliste!
uni-online: Richtig gute Literaten bekommen nicht den
Literatur-Nobelpreis!
H.Kneifel:
Achja, zum Beispiel "Der Medicus" von Gordon -
ein durch und durch gutes und vernünftiges Buch.
Die SZ hat sich nicht mal eine Besprechung
abgerungen, als er ein platinenes Buch von
Bertelsmann bekommen hat!
uni-online: Sehr eindrücklich sind immer die Namen
ihrer Helden: Ismael Vonsgraves-Pym,
Ritter Renaut de Beaujeu, Nicholas
Morgeaux etc. Macht Ihnen Spaß, oder?
H.Kneifel:
Ja, absolut! Da schau ich überall herum, nach
solchen Namen!
uni-online: Aber auch Kaffee und Armanac kommt immer
in hübschen Verkleidungen daher: K'holk
oder Naq-Naq. Ohne so etwas ist das Leben
in der Zukunft nicht vorstellbar?
H.Kneifel:
Rotwein kann jeder schreiben! Das hört sich doch
besser an, oder nicht? Klar, Zigaretten, Kaffee und
Alkohol sind wichtig.
uni-online: Sie haben einen ungeheuren Austoß an
Büchern gehabt. Mit den historischen
Großwerken der letzten Jahre: Wollen Sie
sich ein Denkmal setzen?
H.Kneifel:
Denkmal: Nein! Noch lebe ich! Das ist eine Phase
die ich seit etwa 20 Jahren herbeisehne: in guter
Ruhe vor dem Computer sitzen, ohne ein zu enges
Zeitlimit. Ich recherchiere sehr gern sehr gründlich!
Ich genieße es, für ein gutes Buch ein gutes Honorar
zu bekommen. Langsam das Ganze vernetzen.
uni-online: In Ihren Büchern kommt häufig bildende
Kunst und Musik vor (Michael Nyman,
Sigvard Bonquard, Peter Gray) überhaupt
alle Formen von Kultur. Wichtig oder
Spielerei?
H.Kneifel:
Ach das gehört alles zu einer Kultur und einem
Menschen dazu. Ich kann mir niemanden vorstellen,
der ohne vernünftige Musik arbeiten kann.
uni-online: Cade Chandra, der Jäger aus der
Apokalypse, sagt: "Quatsch! Ich bin kein Dichter." Sind Sie einer?
H.Kneifel:
Wenn mir jemand sagt, ich bin ein guter
Handwerker, den küsse ich und kose ich. Handwerk
ist bei uns schlecht entwickelt. Nein, ich bin
Geschichtenerzähler!
Das Interview führte Manuel Amadé Fritsch
Starlight Info:
Interviewer: M.A.Fritsch für
uni-online.de 10/96
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von uni-online
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